
„Masse statt Klasse“ – Warum das MSC-Siegel sein Versprechen bricht
Interview mit Dr. Iris Ziegler, Expertin für Fischerei- und Meeresschutzpolitik, Deutsche Stiftung Meeresschutz
Dr. Iris Ziegler engagiert sich seit über 15 Jahren aktiv im internationalen Meeresschutz. Als Mitbegründerin und Vizepräsidentin der internationalen Koalition Make Stewardship Count setzt sie sich für transparente, wissenschaftsbasierte Fischereistandards ein und kämpft gegen Greenwashing von Siegeln wie dem Marine Stewardship Council (MSC).
Die weltweiten Fischbestände und marinen Ökosysteme sind zunehmend gefährdet. Das MSC-Siegel soll zu einem nachhaltigeren Fischfang beitragen und Fischbestände sowie Ökosysteme schützen. Wird dieser Anspruch tatsächlich erfüllt?
Iris Ziegler: Leider nein. Das Versprechen „Oceans full of life“ ist weitgehend ein leeres Versprechen geblieben. Als das Siegel vor 30 Jahren aufkam, wurden vor allem kleinere Fischereien zertifiziert, die selektive Fanggeräte nutzten und keine überfischten Bestände betrafen. Da konnte man sagen, wenn man diesen Fisch kauft, leistet man einen Beitrag zum Gesamterhalt. Doch der MSC ist rasant gewachsen. Nach ökonomischen Prinzipien bedeutet Wachstum, immer mehr Fischereien ins Programm zu holen. Heute deckt das Siegel rund 19 % des globalen Fischfangs ab. Ziel ist es, bis 2030 auf über 30 % zu wachsen. Es werden zunehmend Methoden zertifiziert, die massive Zerstörungen anrichten, wie Grundschleppnetze oder das sogenannte „Dredging“, bei dem mit Baggern der ganze Meeresgrund bearbeitet wird, um Muscheln abzubauen.
Und all das wird akzeptiert. NGOs werden im Prozess oft nur als Alibi herangezogen. Berechtigte Einsprüche werden meist mit dem Argument abgewiesen, der Standard lasse diese Praktiken nun einmal zu.
Das Wachstumsziel geht also zulasten der Kriterien. Kannst du das an einem konkreten Beispiel verdeutlichen?
Iris Ziegler: Das Prinzip lautet zunehmend „Masse statt Klasse“. Es sind immer mehr Fischereien, die Massenfanggeräte nutzen. Und ein sehr deutliches Beispiel, was zweifache negative Auswirkungen hat, ist das Fangen von Thunfisch. Thunfisch ist die am häufigsten MSC-zertifizierte Art. Der Bonito-Thunfisch, das ist unser klassischer Dosenthunfisch, der wird hauptsächlich mit Ringwaden gefangen. Das sind große Netze, die um den gesamten Thunfischschwarm rumgelegt werden, und dann wird der ganze Schwarm eingepackt. Entweder man sucht die Schwärme oder man macht es sich einfacher und lockt die Schwärme an, indem man sogenannte Fish Aggregating Devices (FADs, Lockbojen) einsetzt. Das sind künstliche Treibobjekte im Ozean, die den Fischen Schutz suggerieren. Und deswegen sammeln sich vor allem junge Fische, wie junge Gelbflossenthunfische und Großaugenthune, aber auch viele junge Haie darunter.
Früher hat der MSC diese Fangmethode ausgeschlossen. Heute ist fast der gesamte europäische Bonito-Fang mit FADs vom MSC zertifiziert. Die Folge sind enorme Mengen an Beifang, darunter bedrohte Seiden- und Weißspitzen-Hochseehaie. Hinzu kommt: Verlorene FADs stranden auf empfindlichen Korallenriffen und zerstören diese Habitate dauerhaft.
Wo liegen aus deiner Sicht die größten Hindernisse für ein glaubwürdiges Siegel?
Iris Ziegler: Es gibt zwei Kernprobleme. Erstens: Der Standard selbst ist zu schwach. Er toleriert beispielsweise Tausende verendete Baby-Seidenhaie als Beifang. Solange eine einzelne Fischerei weniger als 30 % der in der gesamten Region gefangenen Seidenhaie ausmacht, gilt ihr Beitrag als nicht relevant – was an sich schon grotesk ist.
Zweitens: Die Zertifizierungsstellen werden direkt von den Fischereien beauftragt und bezahlt. Der Standard räumt diesen Prüfern weite Interpretationsspielräume ein. In der Praxis scheitert so gut wie keine Fischerei. Selbst wenn Umweltorganisationen formell Einspruch einlegen, werden diese Einsprüche im nachgelagerten Schiedsverfahren – geleitet von einem vom MSC gestellten Schiedsrichter – fast ausnahmslos abgewiesen.
Für Zuchtfisch gibt es das ASC-Siegel (Aquaculture Stewardship Council). Gibt es dort ähnliche Probleme?
Iris Ziegler: Prinzipiell ist der ASC die Schwesterorganisation zum MSC und agiert sehr ähnlich, hat aber einen eigenen Standard. Nach allem, was ich bisher gesehen habe, sind die Probleme die gleichen und der ASC wird dafür genauso kritisiert. Allerdings wirkt der ASC dialogbereiter bezüglich Kritik. Im Zuge des neuen EU-Anti-Greenwashing-Gesetzes hat sich der ASC bereit erklärt, das Wort „nachhaltig“ künftig aus dem Label zu streichen. Der MSC weigert sich bislang strikt, diesen Schritt zu gehen.
Was bedeuten diese Siegel für Verbraucher*innen und den Handel? Welche Orientierung bieten sie – und wo liegen ihre Grenzen?
Iris Ziegler: Das Siegel bescheinigt lediglich, dass eine Fischerei nach den Vorgaben des MSC-Standards zertifiziert wurde, nicht aber Nachhaltigkeit im ökologischen oder ethischen Sinne. Wichtige Faktoren wie Klimaauswirkungen, die Lebensbedingungen von Küstengemeinschaften im Globalen Süden oder Menschenrechtsverletzungen an Bord sind ausdrücklich nicht Teil der Zertifizierung. Wenn ich von Nachhaltigkeit spreche, dann ist eigentlich klar, dass auch das erfüllt sein muss. Und das sind alles Themen, die das MSC-Siegel sogar explizit ausschließt. Auch eine lückenlose Rückverfolgbarkeit entlang der gesamten Lieferkette garantiert der MSC nicht.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung verweist bei ihren Empfehlungen zum Fischkonsum auf die Siegel MSC und ASC. Was ist daran problematisch?
Iris Ziegler: Das Problem ist, dass es sich viele zu einfach machen. Alle wissen: Den Ozeanen geht es schlecht, wir müssen etwas tun. Aber noch immer glauben viele, dass es reicht, die Überfischung zu stoppen. Dabei müssen wir das gesamte Ökosystem schützen und wiederherstellen. Es reicht deshalb nicht zu sagen: „Dieses Produkt ist MSC- oder ASC-zertifiziert, damit ist das Nachhaltigkeitsthema erledigt.“. Genau dieses „Tick the box“-Denken ist gefährlich. Der MSC hat über Jahrzehnte erfolgreich den Eindruck etabliert, seine Zertifizierung stehe für nachhaltigen und umweltverträglichen Fischfang. Auch die DGE und andere Organisationen sollten sich deshalb ihrer Verantwortung stellen.
Die Koalition „Make Stewardship Count“ setzt sich seit Jahren für eine stärkere Ausrichtung des MSC an seinen eigenen Nachhaltigkeitsversprechen ein. Welche Reformen hat der MSC bislang umgesetzt und inwiefern wurden dabei zentrale Kritikpunkte aufgegriffen?
Iris Ziegler: Unser Bündnis vereint rund 100 Organisationen, Forschende und Händler. Seit 2017 haben wir uns intensiv in die Reform des MSC-Standards eingebracht. Mit dem Standard 3.0, der 2023 verabschiedet wurde, gab es zunächst Hoffnung. Ein Beispiel für eine wichtige Verbesserung wäre gewesen, dass z. B. Thunfisch-Fischereien, die auch Haie als Beifang fangen, nur dann zertifiziert werden dürfen, wenn die Flossen bis zur Anlandung am Körper des Hais bleiben. Das ist wichtig, weil Haiflossen sehr viel wertvoller sind als das Fleisch. Deshalb werden den gefangenen Haien oft an Bord die Flossen abgetrennt und die Körper teils noch lebend ins Meer geworfen.
Diese Regel – „Fins Naturally Attached“ – ist beim MSC aber bis heute keine verbindliche Voraussetzung für eine Zertifizierung. Im neuen Standard sollte sie verpflichtend werden, ebenso wie bessere Regeln zum Schutz von Meeressäugern vor Verletzungen und Vertreibung.
Der neue Standard wurde 2023 beschlossen, aber Anfang 2024 überraschend wieder ausgesetzt und wird nun erneut überarbeitet. Nun droht aber eine deutliche Verwässerung.
Welche Rolle spielt der MSC angesichts zunehmender Nachhaltigkeitsanforderungen und -verpflichtungen für den Einzelhandel?
Iris Ziegler: Ich wundere mich, dass der Einzelhandel bisher nicht stärker aktiv wird. Denn letztlich sind es die Händler, die den Verbraucher*innen ein Produkt als nachhaltig anbieten und damit auch die Verantwortung dafür tragen. Wir haben deshalb versucht, mit deutschen Einzelhändlern ins Gespräch zu kommen, sind damit aber leider auf wenig Resonanz gestoßen. Viele verwiesen darauf, dass sie die Probleme direkt mit dem MSC klären könnten. Eine wirkliche Lösung ist dabei jedoch bisher nicht herausgekommen.
Dabei ist die Verantwortung der Händler nicht zu unterschätzen. Auch die OECD-Leitlinien zur unternehmerischen Sorgfaltspflicht machen deutlich, dass Unternehmen sich nicht einfach auf ein Siegel verlassen können. Sie müssen selbst überprüfen, ob ihre Produkte und Lieferketten tatsächlich nachhaltig sind – etwa durch unabhängige Kontrollen und eine transparente Rückverfolgbarkeit der Produkte.
Das MSC-Siegel kann dabei durchaus eine Rolle spielen, aber es ist kein Garant für umfassende Nachhaltigkeit. Es deckt bestimmte Aspekte ab, ersetzt jedoch nicht die eigene Prüfung. Dass das auch rechtliche Konsequenzen haben kann, zeigen Klagen gegen Händler, denen irreführende Nachhaltigkeitsversprechen vorgeworfen werden. Ein Beispiel ist die Klage der Umweltorganisation BLOOM gegen Carrefour in Frankreich.
Siehst du hierin auch Chancen für eine Verbesserung der Siegel?
Iris Ziegler: Unsere Hoffnung ist tatsächlich, dass durch diese Klagen die Einzelhändler*innen und die ganze Lieferkette wachgerüttelt werden. Sie müssen verstehen, dass das einfach ein extrem gefährlicher Weg ist und teure Konsequenzen sowie Reputationsverluste drohen. Als Kunden des MSC haben die Händler es in der Hand und müssen Druck ausüben. Denn wenn ich als Kunde etwas fordere, dann habe ich ein anderes Gewicht, als wenn wir das als Umweltschutzorganisationen fordern.
Was ist abschließend dein Appell an den MSC?
Iris Zieger: Der MSC sollte jetzt die Chance nutzen und im Standard so viel nachbessern, um ihn zumindest wieder in die Richtung zu bringen, wie in 2023 vorgesehen. Auf jeden Fall aber sollten sie im Rahmen des Anti-Greenwashing-Gesetzes und der Neuerungen diesbezüglich den Begriff „Nachhaltigkeit“ aus dem Siegel nehmen. Denn damit erlauben sie den Verbraucher*innen – und das ist dann auch wieder eine Sicherheit für den Händler – klar zu identifizieren: das ist ein Produkt, das nach einem bestimmten Standard mit bestimmten Vorgaben zertifiziert worden ist und dessen Kriterien erfüllt. Es ist aber kein Stand-alone-Garant für Nachhaltigkeit. Und damit kann ich als Verbraucher*in bewusst meine Kaufentscheidung treffen, ohne in die Irre geführt zu werden.
Bild: @Leoco_iStock, @Isabell Fischer/MSC
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