Growwitout Guardrails Changing Markets
the wild fish bill

Zuchtlachs auf Kosten der Ernährungssicherheit?

Der Fisch hinter dem Fisch: Die versteckten Kosten von Deutschlands Lachsboom

                                                                                                                                                                  September 2026

Wenn Menschen an Überfischung denken, stellen sie sich oft industrielle Fischereischiffe vor, die schwindenden Beständen in zunehmend leergefischten Ozeanen nachjagen. Weitaus weniger Beachtung findet jedoch, was nach dem Fang der Fische geschieht. Jährlich werden Millionen Tonnen Wildfisch zu Fischmehl und Fischöl verarbeitet und an Zuchtlachse, Wolfsbarsche, Garnelen, Schweine und Geflügel verfüttert. Diese weitgehend im Verborgenen agierende Branche steht im Mittelpunkt einer wachsenden Debatte über die Zukunft der Ernährung, der Ozeane und des Meeresschutzes. Während Regierungen sogenannte „blue food“ (damit werden Lebensmittel aus aquatischen Lebensräumen bezeichnet) fördern, über die Ausweitung von Meeresschutzgebieten diskutieren und in die „Blue Economy“ investieren, bleibt eine grundlegende Frage weitgehend unbeantwortet: Wofür sollten Fische genutzt werden?

Der neue Bericht von Changing Markets, Growth Without Guardrails[1], stellt fest, dass die weltweit führende Organisation für Ernährung und Landwirtschaft diese Frage nicht beantwortet. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) strebt an, die weltweite Aquakulturproduktion bis 2040 um mindestens 75 % zu steigern. Ihr Fahrplan gibt jedoch weder an, welche Arten expandieren sollen, noch welchen Futterbedarf diese hätten oder welchen zusätzlichen Druck dadurch auf die Wildfischerei ausgeübt werden könnte. Auch ihre ersten weltweiten Leitlinien für nachhaltige Aquakultur behandeln grundlegend unterschiedliche Systeme – von Muscheln und Algen, die keine Fütterung benötigen, bis hin zu futterintensiven Lachsen und Garnelen – innerhalb desselben pauschalen Wachstumsrahmens. 

Die meisten Menschen erkennen Massentierhaltung, wenn sie diese an Land sehen. Weitaus weniger sind sich bewusst, dass dasselbe industrielle Modell inzwischen auch auf die See übertragen wurde. Die moderne Lachszucht stützt sich auf riesige Netzgehege, in denen Hunderttausende von Fischen gehalten werden. Dabei sind hohe Sterblichkeitsraten (sprich: das Sterben von Millionen[2] Fischen jährlich), Krankheitsausbrüche, Lachslausbefall, Umweltverschmutzung[3] (deren Ausmaß kürzlich mit den nicht gereinigten Abwässern von Millionen Menschen verglichen wurde), Proteste der Anwohner sowie die Abhängigkeit von Futter aus Wildfängen zu prägenden Merkmalen dieses Systems geworden. Doch anders als bei der Massentierhaltung an Land sind die Auswirkungen dieses industriellen Modells auf Umwelt und Tierwohl weitgehend der öffentlichen Aufmerksamkeit entgangen.

Im vergangenen Jahrzehnt hat die Changing Markets Foundation die Lieferketten für Fischmehl und Fischöl[4] weltweit untersucht. Von der Sardellenfischerei in Peru über Fischmehlfabriken in Westafrika bis hin zum zunehmenden Fang von Antarktis-Krill haben unsere Untersuchungen immer wieder dasselbe Muster aufgedeckt: Wildfische werden im industriellen Maßstab gefangen, zu Futtermitteln verarbeitet und in globale Lieferketten für die Produktion von Zuchtfisch und Nutztieren eingespeist.

Die Fisch-für-Futter-Industrie wird oft als effiziente Nutzung mariner Ressourcen dargestellt. Branchenverbände verweisen auf sinkende Fischmehlanteile pro Kilogramm Zuchtfisch, Umweltzertifikate, alternative Futtermittelzutaten sowie Verbesserungen bei der Futterverwertung. Doch diese Behauptungen verschleiern eine einfache Realität: Ein Fisch, der zu Futtermittel verarbeitet wird, kann nicht gleichzeitig von Menschen oder von Wildtieren, die auf ihn angewiesen sind, verzehrt werden. Dies hat schwerwiegende Folgen in Regionen, in denen Fisch zu den erschwinglichsten, nährstoffreichsten und kulturell wichtigsten verfügbaren Lebensmitteln zählt.

Deutschlands steigender Konsum von futterintensiven Fischen

Im Jahr 2024 entfielen allein auf Spanien, Italien und Frankreich mehr als drei Viertel der Gesamtmenge an frischen Fischerei- und Aquakulturerzeugnissen, die in den Haushalten von elf untersuchten EU-Ländern konsumiert[5] wurden.

Das Ausmaß der deutschen Abhängigkeit von ausländischen Meeresfrüchte-Importen ist enorm. Daten des Fisch-Informationszentrums (FIZ)[6] zufolge hat sich der Geschmack der Verbraucher*innen hierzulande grundlegend gewandelt: Weg von traditionellen, heimischen Süßwasserfischen wie Forelle und Karpfen, hin zu ressourcenintensiven, räuberischen Meeresfischarten aus Übersee. Bis zum Jahr 2024 baute der Atlantische Lachs seine Spitzenposition als beliebteste Fischart in Deutschland weiter aus und erreichte einen beispiellosen Marktanteil von 22,6 %. Damit festigte er seine Vormachtstellung gegenüber dem Alaska-Seelachs, dem wild gefangenen Weißfisch, der lange Zeit das Rückgrat des deutschen Tiefkühlsegments bildete. Der steigende Lachskonsum kommt nicht von ungefähr. Er ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen, gezielten Kampagne der norwegischen Zuchtlachsindustrie, bei der weniger Ernährungsaspekte oder Ernährungssicherheit als vielmehr die Maximierung von Produktion und Gewinn im Vordergrund standen. Deutschland ist zudem[7] ein bedeutender Absatzmarkt für marine Rohstoffe. Laut EUMOFA (European Market Observatory for Fisheries and Aquaculture Products) nahmen Deutschland, Spanien, Dänemark und Griechenland im Jahr 2024 gemeinsam rund 85 % des in die EU importierten Fischmehls ab.

Dies macht das Land zu einem wichtigen Motor für die Aquakultur auf der europäischen Landkarte. Deutschland zählt durchweg zu den Spitzenverbrauchern von Lachs in der EU und ist nach Frankreich der zweitgrößte Verbraucher von Räucherlachs[8]. Laut dem norwegischen Seafood Council[9] werden in Deutschland jährlich etwa 198.000 Tonnen Lachs konsumiert. Der Großteil davon stammt direkt aus industriellen offenen Lachsgehegen in Norwegen. Ein Teil davon wird direkt importiert, während ein großer Teil über Verarbeitungsanlagen in Polen geleitet wird.

Neue Modellierungen für unseren Bericht, die von weltweit führenden Wissenschaftler*innen der University of British Columbia in Zusammenarbeit mit Changing Markets durchgeführt wurden, veranschaulichen, welche globalen Auswirkungen das weitere Wachstum bei Arten wie Lachs haben könnte. Sollten sich die aktuellen Trends bei Produktion und Fütterung fortsetzen, könnte der jährliche Bedarf der Aquakultur an ganzen Wildfischen bis 2040 um 85 - 88 % steigen und ein Volumen erreichen, das 29 - 38 % des gesamten weltweiten Wildfischfangs des Jahres 2020 entspricht. Verlagert sich das Wachstum verstärkt auf futterintensive Arten wie Lachs und Garnelen, könnte sich der Bedarf sogar mehr als verdoppeln und bis zu 46 % dieses Fangvolumens erreichen. Der wachsende deutsche Lachsmarkt ist somit Teil eines Wettbewerbs um eine begrenzte und zunehmend durch den Klimawandel gefährdete Wildressource.

Auswirkungen der Abhängigkeit von Zuchtfisch auf das Ökosystem

Ein Großteil des Futters für diesen Zuchtlachs stammt aus Tausende von Kilometern entfernt liegenden Fischereien, die Meeresfisch für die Fischmehl- und Fischölproduktion liefern.. Dies verbindet die Regale deutscher Supermärkte direkt mit einigen der am stärksten ausgebeuteten Meeresökosysteme der Welt.

Eigene Daten der FAO belegen, dass der Anteil der Aquakultur am weltweiten Fischmehlverbrauch von rund 10 % im Jahr 1980 auf etwa 90 % im Jahr 2024 gestiegen ist, während ihr Anteil an der Fischölnutzung von etwa 1 % auf 63 % zunahm. Die Aquakultur hat sich faktisch zum Hauptabnehmer für das begrenzte Angebot an Fischmehl und Fischöl entwickelt. Sinkende Einsatzmengen pro Kilogramm Zuchtfisch ändern nichts an dieser Tatsache, solange das Produktionswachstum den absoluten Bedarf des Sektors weiter in die Höhe treibt.

Die peruanische Sardellenfischerei veranschaulicht, wie stark die weltweite Aquakultur von Wildfisch abhängig geworden ist. Seit Jahrzehnten beliefert sie Futtermittelhersteller rund um den Globus mit riesigen Mengen an Fischmehl und Fischöl und bildet damit eine der Grundlagen der modernen Aquakultur.

Die Folgen dieser Abhängigkeit werden immer deutlicher. Die jüngsten Engpässe bei der Sardellenfischerei und den Fangbeschränkungen in Peru, die durch El Niño noch verschärft wurden, haben die weltweiten Futtermärkte erschüttert und Sorgen hinsichtlich der Versorgungssicherheit, steigender Preise und der künftigen Verfügbarkeit von Fischmehl und Fischöl ausgelöst. Dennoch konzentriert sich die Reaktion der Branche weitgehend darauf, alternative Bezugsquellen zu erschließen, anstatt das zugrundeliegende Modell selbst zu hinterfragen.

Peru ist nur ein Beispiel. Auch die deutsche Nachfrage nach aquatischen Lebensmitteln, deren Erzeugung auf Futtermitteln basiert, verbindet Verbraucher*innen mit anderen gefährdeten Meeresökosystemen. In den letzten Jahren hat Changing Markets auf die rasante Ausweitung[10] der antarktischen Krillfischerei aufmerksam gemacht. Eine Fischerei, die trotz wachsender Bedenken seitens Wissenschaftler*innen und Naturschutzgruppen als nachhaltig zertifiziert ist. Krill ist eine Schlüsselart, die im gesamten Südpolarmeer als Nahrungsgrundlage für Wale, Pinguine, Robben und Seevögel dient und eine entscheidende Rolle bei der Klimaregulierung spielt. Dennoch wird ein Großteil des Fangs zu Bestandteilen für Aquakulturfutter, Tiernahrung und Nahrungsergänzungsmitteln verarbeitet. Die Debatte um Krill wird oft auf die Frage der nachhaltigen Bewirtschaftung reduziert, wirft jedoch eine umfassendere Frage auf: Sollte eine der weltweit wichtigsten Meeresarten im industriellen Maßstab befischt werden, um Lieferketten für Futtermittel und Rohstoffe zu bedienen, insbesondere angesichts des zunehmenden Drucks, den der Klimawandel auf die antarktischen Ökosysteme ausübt? Die Dringlichkeit dieser Frage hat im Jahr 2026 noch zugenommen, als sowohl der Kaiserpinguin als auch der Antarktische Seebär auf die Rote Liste der gefährdeten Arten der IUCN[11] gesetzt wurden.

Ernährungssysteme, die darauf angewiesen sind, große Mengen an Wildfisch zu Futtermitteln zu verarbeiten, bleiben anfällig für ökologische Schocks, Klimaauswirkungen und schwindende Fischbestände. Da marine Ökosysteme zunehmend unter Druck geraten, können sich Störungen in einer einzelnen Fischerei auf die globalen Lieferketten auswirken und Erzeuger*innen, Einzelhändler*innen sowie Verbraucher*innen Tausende von Kilometern entfernt in Mitleidenschaft ziehen.

Westafrika: Fisch für den Export, Ernährungsunsicherheit im eigenen Land                  

Doch die Auswirkungen der Verfütterung von Fich an Fische sind noch verheerender im Hinblick auf die Ernährungssicherheit. Die Ozeane sind sowohl Ernährungssysteme als auch Ökosysteme. Im Jahr 2021 veröffentlichten die Changing Markets Foundation und Greenpeace Africa den Bericht „Feeding a Monster[12], der die rasante Ausweitung der Fischmehl- und Fischölproduktion in Westafrika dokumentiert.

Kleine pelagische Fischarten wie Sardinellen, Bonga-Heringe und Makrelen bilden die Grundlage der Ernährung in der gesamten Region. Sie liefern erschwingliches Eiweiß sowie wichtige Nährstoffe, sichern die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen und stützen die lokale Fischverarbeitungsindustrie, die vielfach von Frauen betrieben wird.

Dennoch werden zunehmende Mengen dieser Fische an Fischmehl- und Fischölfabriken geliefert, die Aquakulturen und die Viehwirtschaft in anderen Regionen beliefern. Zahlreiche Berichte belegen, dass diese Praxis trotz der Appelle von Kleinfischer*innen und lokalen Gruppen fortgesetzt[13] wird.

Unsere Untersuchung ergab, dass jährlich mehr als eine halbe Million Tonnen Fisch, genug, um über 33 Millionen Menschen zu ernähren, stattdessen zu Futtermitteln verarbeitet wurden. Seither haben sich die Bedenken noch verstärkt. Wissenschaftliche Gremien im Umfeld der FAO, unabhängige Forscher*innen sowie der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung haben auf die Risiken hingewiesen, die mit der Nutzung von Speisefisch für die Fütterung in Aquakulturen verbunden sind, und dazu aufgerufen[14], bei der Planung eines Ausbaus der Aquakultur „äußerste Vorsicht“ walten zu lassen.

Trotz dieser Warnungen verschwanden ausdrückliche Schutzbestimmungen aus den neuen FAO-Leitlinien für nachhaltige Aquakultur, die sich mit diesem Konflikt befassten. Ein früher Entwurf sah vor, dass der Handel mit Aquakulturprodukten die Ernährungsbedürfnisse jener Menschen, für die Fisch eine entscheidende Quelle für eine nahrhafte Ernährung darstellt, nicht beeinträchtigen dürfe und dass die Vorteile gerecht verteilt werden sollten. Ein späterer Entwurf forderte, Konflikte zwischen der Verwendung von Rohstoffen für Aquakulturfutter einerseits und der direkten menschlichen Ernährung andererseits zu identifizieren und zu bewerten. Keine dieser Schutzmaßnahmen fand Eingang in die endgültigen Leitlinien. Diese setzen stattdessen auf allgemeinere Formulierungen zur Vermeidung oder Minimierung negativer Auswirkungen.

Im Jahr 2026 unternahm Guinea-Bissau den außergewöhnlichen Schritt, die Produktion von Fischmehl und Fischöl vollständig zu untersagen. Begründet wurde dies mit Bedenken hinsichtlich der Meeresökosysteme, der Ernährungssicherheit und der Zukunft der Fischerei auf kleine pelagische Arten. Ein Schritt, der hoffentlich konsequent durchgesetzt und weithin nachgeahmt wird. Andere Länder sollten diesem Beispiel folgen, die für eine höhere lokale Wertschöpfung erforderliche Infrastruktur aufbauen und sicherstellen, dass der in ihren Gewässern gefangene Fisch in erster Linie der Ernährung der eigenen Bevölkerung zugutekommt.

Nachhaltigkeitssiegel und versteckter Fisch

Viele Verbraucher*innen gehen davon aus, dass eine Nachhaltigkeitszertifizierung garantiert, dass schwierige Fragen wie diese bereits geklärt wurden. Untersuchungen von Changing Markets legen nahe, dass dieses Vertrauen nicht gerechtfertigt  ist.

Unsere Berichte[15] haben dokumentiert, wie Zertifizierungssysteme weiterhin Fischereien unterstützen, die Fischmehl und Fischöl liefern, ungeachtet ungelöster Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen auf das Ökosystem, des Vorsorgeprinzips bei der Bewirtschaftung und der Ernährungssicherheit. Anstatt zu hinterfragen, ob für den menschlichen Verzehr geeigneter Fisch überhaupt zu Futtermitteln verarbeitet werden sollte, konzentrieren sich Zertifizierungssysteme meist darauf, ob die Fischerei unter verbesserten Bewirtschaftungsbedingungen fortgesetzt werden kann.

Verbraucher*innen finden in Supermärkten zunehmend Informationen zu Tierwohl, CO2-Fußabdruck und verantwortungsvoller Beschaffung. Selten erfahren sie jedoch, wie viele Wildfische für die Produktion eines Zuchtfischfilets verwendet wurden, woher diese Fische stammten oder ob sie aus Regionen kamen, in denen die Ernährungssicherheit gefährdet ist.

Effizienzsteigerungen führen nicht zwangsläufig zu einer Verringerung des Gesamteinsatzes von Wildfisch. Mit der Ausweitung der Aquakulturproduktion kann die Gesamtnachfrage nach Meeresrohstoffen weiter steigen, selbst wenn einzelne Erzeuger*innen effizienter werden.

Changing Markets hat wiederholt Unternehmen der Fischereibranche sowie Einzelhändler, darunter viele führende deutsche Supermärkte[16], hinsichtlich der Transparenz bei Futtermitteln bewertet. Zwar berichten viele Unternehmen inzwischen über den Anteil mariner Inhaltsstoffe, den Zertifizierungsgrad oder Kennzahlen zur Futtereffizienz, doch verfügte keines von ihnen über Zielvorgaben zur Reduzierung der Gesamtmenge an Wildfisch, die für die Erzeugung der verkauften Fischereierzeugnisse erforderlich ist. Infolgedessen werden Verbraucher*innen zwar Nachhaltigkeitssiegel und Aussagen zu verantwortungsvoller Beschaffung präsentiert, doch bleibt es für sie weitgehend unmöglich, den tatsächlichen Fußabdruck von Zuchtfischprodukten in Bezug auf marine Ressourcen nachzuvollziehen.

Was sich ändern muss

Meeresschutzgebiete werden oft als Lösung für den schlechten Zustand der Ozeane dargestellt und sind ein wesentliches Instrument des Naturschutzes. Doch Schutzgebiete allein können nicht das Problem lösen, dass Speisefische aus einem Teil des Ozeans entnommen und andernorts zu Futtermitteln für Nutztiere verarbeitet werden.

Die Beschäftigung damit gewinnt an Dringlichkeit, da Regierungen Strategien für die „Blue Economy“ und „Blue Foods“ (aquatische Lebensmittel) als Teil ihrer Agenden für Klima, Biodiversität und Ernährungssicherheit aufgreifen. In ganz Europa, auch in Deutschland, werden aquatische Lebensmittel zunehmend als Bestandteil des künftigen Ernährungssystems propagiert. Doch Produktionsziele und Wachstumsstrategien liefern keine Antworten auf zentrale Fragen zu Zugang, Gerechtigkeit und Ressourcennutzung.

Der Ausbau von Aquakulturen mit geringen Auswirkungen und Arten auf niedriger trophischer Ebene, wie etwa Schalentiere und Meeresalgen, bietet ganz andere Chancen und bringt andere Zielkonflikte mit sich als die Ausweitung der auf Futter angewiesenen Aquakultur mit fleischfressenden Arten. Werden diese Systeme im Rahmen einer einheitlichen Wachstumsstrategie betrachtet, können wichtige Unterschiede hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit, die Meeresökosysteme und die Ressourcennutzung verschleiert werden.

Regierungen, Einzelhändler*innen und Unternehmen der Fischereibranche sollten sich zu einem einfachen Prinzip bekennen: Fisch sollte in erster Linie der Ernährung von Menschen dienen.

Die Modellierung in unserer Studie zeigt, dass ein anderer Weg möglich ist. Würde jegliches Wachstum auf Arten gelenkt, die kaum oder gar keine Wildfische benötigen, und gleichzeitig der Anteil an Fischmehl und Fischöl reduziert, könnte der Gesamtbedarf der Aquakultur an Wildfisch sinken. Dies sollte daher nicht als Befürwortung des von der FAO angestrebten Wachstumsziels von 75 % missverstanden werden. Denn selbst bei diesem Szenario würde immer noch eine Menge Wildfisch verbraucht werden – eine Menge, die 13 - 17 % des weltweiten Fischfangs des Jahres 2020 entspricht. Vielmehr muss dies der Ausgangspunkt für einen umfassenderen Wandel sein.

Das bedeutet mehr Transparenz hinsichtlich der Verwendung von Wildfisch in Aquakultur-Lieferketten und die Verpflichtung von Unternehmen, Herkunft und Menge von Fischmehl und Fischöl offenzulegen. Es bedeutet, die Verwendung von Speisefischen für die Fischmehl- und Fischölproduktion zu beenden und die öffentliche Förderung auf ressourcenschonende Formen der Aquakultur (die nicht auf Fischmehl-Fütterung basieren) zu lenken, anstatt alle Formen der Aquakultur als gleichermaßen nachhaltig und vorteilhaft zu betrachten. Es bedeutet auch, sicherzustellen, dass Ernährungssicherheit, Nährstoffversorgung und die Sicherung der lokalen Lebensgrundlagen Vorrang haben, bevor Speisefische für die industrielle Futtermittelproduktion verwendet werden.

Deutschland sollte seinen Einfluss innerhalb der FAO nutzen, um zu fordern, dass die Organisation ausdrückliche Schutzmaßnahmen mit Vorrang für die menschliche Ernährung wieder einführt, zwischen grundlegend unterschiedlichen Aquakultursystemen unterscheidet und die Offenlegung des absoluten Einsatzes ganzer Wildfische verlangt. Deutsche Einzelhändler sollten zeitlich festgelegte Ziele zur Reduzierung und schließlich zum vollständigen Verzicht auf ganze Wildfische im Aquakulturfutter setzen, anstatt sich allein auf Zertifizierungen und Kennzahlen zur relativen Effizienz zu verlassen.

Wenn Regierungen Strategien für eine „Blue Economy“ und „Blue Food“ verfolgen, sollte der Erfolg nicht allein am Produktionswachstum gemessen werden, sondern auch daran, ob Meeresressourcen weltweit zur Ernährungssicherheit, zu gesunden Ökosystemen und zu widerstandsfähigen Küstengemeinschaften beitragen.

Tara Ganesh, Senior Campaigner, “Fishing the Feed”[17] bei Changing Markets

Dieser Artikel wurde ins Deutsche übersetzt. 

Quellen

1. https://changingmarkets.org/report/growth-without-guardrails/

2. https://www.eurogroupforanimals.org/news/staggering-mortality-rates-reveal-significant-health-and-welfare-challenges-norwegian-fish

3. https://www.theguardian.com/world/2026/may/04/norwegian-fish-farms-polluting-fjords-with-waste-likened-to-raw-sewage-of-millions-of-people

4. https://changingmarkets.org/campaigns/fishing-the-feed/

5. https://fishery-aquaculture-market-observatory.ec.europa.eu/system/files/2026-05/The_EU_fish_market_2025.pdf

6. https://www.fischinfo.de/news/deutschlands-appetit-auf-fisch/

7. https://fishery-aquaculture-market-observatory.ec.europa.eu/system/files/2026-05/The_EU_fish_market_2025.pdf

8. https://fishery-aquaculture-market-observatory.ec.europa.eu/en/publications/price-structure-analyses/smoked-salmon-in-the-eu

9. https://en.seafood.no/countrypages/germany/

10. https://changingmarkets.org/report/krill-baby-krill-the-corporations-profiting-from-plundering-antarctica/

11. https://iucn.org/press-release/202604/emperor-penguin-and-antarctic-fur-seal-now-endangered-due-climate-change-iucn

12. https://changingmarkets.org/report/feeding-a-monster-how-european-aquaculture-and-animal-industries-are-stealing-food-from-west-african-communities/

13. https://www.greenpeace.org/international/publication/83817/global-ocean-justice-now/

14. https://docs.un.org/en/A/HRC/55/49

15. https://changingmarkets.org/campaigns/fishing-the-feed/

16. https://changingmarkets.org/wp-content/uploads/2023/10/CM-WEB-REPORT-FINAL-FLOUNDERING-AROUND.pdf

17. https://changingmarkets.org/campaigns/fishing-the-feed/

Dwada Foday Saine

Kleinfischerei in Gambia

„Unverantwortliche Fischerei an irgendeinem Ort gefährdet die verantwortungsvolle Fischerei überall“

Sie sichern Arbeitsplätze, Nahrung und Lebensgrundlagen an Westafrikas Küsten, doch handwerkliche Kleinfischer*innen geraten durch industrielle Trawler, Fischmehlfabriken und Ressourcenraubbau massiv unter Druck. Im Interview spricht Meeresbiologe Dawda Foday Saine (CAOPA) über leere Meere, die Verdrängung lokaler Frauenmärkte und warum erklärt weshalb auch die EU ihre Fischereipolitik reformieren muss.