„Unverantwortliche Fischerei an irgendeinem Ort gefährdet die verantwortungsvolle Fischerei überall“
Interview mit Dawda Foday Saine, African Confederation of Professional Organizations of Artisanal Fisheries (CAOPA)
Dawda Foday Saine ist Meeresbiologe und arbeitet eng mit Kleinfischer*innen in Afrika zusammen. Er ist Generalsekretär und Vorstandsmitglied der African Confederation of Professional Organizations of Artisanal Fisheries (CAOPA), die sich für eine nachhaltige handwerkliche Fischerei einsetzt. Zudem leitet er die Organisation „African Fish and Wildlife Conservancy“ (AFWIC), die sich mit Konflikten zwischen Fischerei und Wildtieren befasst. Er lebt und arbeitet in Gambia.
Wie würden Sie die Kleinfischerei oder handwerkliche Fischerei jemandem beschreiben, der mit diesem Begriff nicht vertraut ist?
Dawda Foday Saine: Ich wehre mich immer gegen den Begriff „klein“, denn wir sind zwar klein, aber was unseren Beitrag zur nationalen Ernährungssicherheit, zur Beschäftigung und zur Armutsbekämpfung angeht, betone ich stets: Wir sind nicht klein, wir sind groß! Denn wir sorgen für Nahrung, schaffen Arbeitsplätze, sorgen für eine ausgewogene Ernährung und leisten noch vieles mehr.
Wenn man zu den Fischanlandestellen geht, sieht man Boote, Holzboote. Das sind Boote, die je nach Fischereikategorie zwischen 5 und 15 Personen befördern. Wenn man dorthin geht, sieht man, dass sie keine Unterkünfte haben, dass sie gar nichts haben. Sie sind einfach dem Himmel und der Sonne über ihnen ausgesetzt. Es gibt keine Überdachung und keinen Schutz für sie. Es gibt keine sanitären Einrichtungen wie Toiletten. Man sieht auch ihre Netze offen auf dem Deck liegen. Das ist es, was wir allgemein unter Kleinfischerei verstehen.
Wie sieht der Alltag von Kleinfischern an den Küsten Westafrikas aus?
Dawda Foday Saine: Die Fischer lauschen stets dem Rauschen des Meeres. Meistens machen sie sich gegen 12:00 Uhr mittags auf den Weg und fahren zum Fischen hinaus. Man sieht sie mit ihrer Ausrüstung, wie sie ihren Treibstoff und ihre Außenbordmotoren an Bord bringen, nach Lebensmitteln suchen, nach Holzkohle suchen und nach anderen Dingen, die man zum Kochen an Bord verwenden könnte. Sobald sie an Bord sind, beginnen sie, Lieder der Hoffnung zu singen, in der Hoffnung, dass sie Fische fangen, an Land mitbringen, verkaufen und Geld verdienen werden. Für Fischer, die zum Fischen hinausfahren, ist das eigentlich eine alltägliche Tätigkeit. Sie hoffen immer, dass sie Fisch mitbringen, wenn sie hinausfahren, aber in Wirklichkeit wird der Fang immer geringer.
Warum sind kleine Fische wie Sardinellen und Bonga für die Ernährung der Menschen in Westafrika so wichtig?
Dawda Foday Saine: Arten wie Sardinella aurita, Sardinella maderensis und Bonga (Ethmalosa fimbriata) sind für die Bevölkerung leicht zugänglich, verfügbar und erschwinglich. Betrachtet man die Ziele unserer Fischereipolitik, so stehen Aspekte wie Ernährungssicherung, Armutsbekämpfung, Schaffung von Arbeitsplätzen, Einkommensgenerierung und, durch Zugangsabkommen, sogar internationale Beziehungen im Vordergrund. Dies ist von großer Bedeutung, insbesondere im Hinblick auf die Kleinfischer, deren Beitrag für das Land unerlässlich ist. Sie sichern die Versorgung mit Nahrungsmitteln, indem sie ihre Fänge an Land bringen und an Frauen verkaufen. Diese wiederum verarbeiten den Fisch, etwa durch Räuchern oder Trocknen, und verkaufen ihn entweder verarbeitet oder frisch auf den Märkten.
Abgesehen von der Lebensmittelversorgung, welche Rolle spielen die kleinbetrieblichen Fischereien im Hinblick auf Arbeitsplätze und Einkommen?
Dawda Foday Saine: Die handwerkliche Fischerei stellt über 90 % der Arbeitsplätze in der weltweiten Fangfischerei. Zu den direkten Beschäftigungsfeldern gehören Bootsbau, Motorreparaturen, Netzherstellung und die Wartung der Ausrüstung sowie die Fischverarbeitung. Auch der nachgelagerte Sektor und der Handel, von der Anlandung bis zur Vermarktung, auf lokaler und grenzüberschreitender Ebene, sind in Westafrika von enormer Bedeutung. Hinzu kommen Eisversorgung und -transport, Kühlhaltung, Verkauf auf Märkten und im Einzelhandel, Kraftstoffversorgung für Boote sowie die Korbflechterei zur Herstellung von Transportbehältern für den Fisch.
Frauen stellen einen großen Anteil der Beschäftigten in der handwerklichen Fischerei dar, insbesondere in den Bereichen Verarbeitung und Handel. Zudem gibt es Arbeitskräfte, die für das Entladen des Fangs an den Anlandeplätzen zuständig sind, sowie Beschäftigte im Bereich der Fischzerlegung, wo der Fisch gereinigt und ausgenommen wird. Die aus diesem Handel erzielten Einkommen werden für häusliche Ausgaben wie Schulgebühren, medizinische Versorgung und Wohnkosten verwendet. In vielen Küstengemeinden ist die handwerkliche Fischerei der wichtigste oder gar einzige formelle Wirtschaftssektor und fungiert somit faktisch als Sicherheitsnetz gegen Arbeitslosigkeit.
Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen industrieller Fischerei und handwerkliche Fischerei, und warum führen diese Unterschiede zu Konflikten?
Dawda Foday Saine: Bei der industriellen Fischerei kommen große Trawler (auch Schleppnetzfischereischiffe genannt) zum Einsatz. Das sind riesige, kapitalintensive Schiffe, die oft ausländischem Besitz unterliegen oder unter ausländischer Flagge fahren und sowohl weit vor der Küste als auch in den Gewässern verschiedener Länder operieren können. Sie nutzen Grundschleppnetze und Ringwaden, was mit hohen Fangmengen und stärkerem Beifang einhergeht und den Meeresboden schädigen kann. Kleinfischer hingegen verwenden selektive Fangmethoden wie Handleinen, kleinere Netze und Reusen, die weniger Beifang verursachen und den Lebensraum weniger stark beeinträchtigen. In Gambia sind die Gewässer gesetzlich in drei Zonen unterteilt. Die Zone von 0 bis 9 Seemeilen ist ausschließlich für Kleinfischer reserviert. In der Zone von 9 bis 12 Seemeilen ist der Betrieb industrieller Schiffe bis zu einer Größe von 250 Bruttoregistertonnen (BRT) gestattet. Jenseits der 12-Seemeilen-Grenze bis hin zur Hochsee dürfen größere Schiffe mit mehr als 250 BRT operieren.
Kleinfischer sehen sich verschiedenen Arten von Konkurrenz gegenüber: Wettbewerb mit der industriellen Fischerei sowie mit Fischmehlfabriken, die als Akteure weitaus stärker, technisch fortschrittlicher und wirtschaftlich leistungsfähiger sind; aber auch Wettbewerb zwischen Kleinfischern untereinander aufgrund von Ressourcenknappheit. All diese Konkurrenzverhältnisse sind die Folge der Überfischung der Fischbestände.
Wie trägt die industrielle Fischerei zur Überfischung bei und gefährdet dabei lokale Ernährungssysteme?
Dawda Foday Saine: Industrielle Fischereiflotten verfügen über hochentwickelte Maschinen und Ausrüstungen, um Fischbestände aufzuspüren und höhere Fangmengen zu erzielen. Doch das Problem der Überfischung ist ein Problem menschlichen Verhaltens. Es mangelt weder an wissenschaftlichen Erkenntnissen noch an Daten oder personellen Ressourcen. Vielmehr ist es der Mensch, der die Bestände zerstört, Gesetze umgeht und gegen die Natur handelt. Wir müssen dringend Sozialwissenschaftler*innen und Fischerei-Anthropolog*innen einbeziehen, die verstehen, wie man menschliches Verhalten im Fischereimanagement angehen, steuern und positiv beeinflussen kann. Jetzt ist es an der Zeit, den Menschen in den Mittelpunkt des Managements zu stellen. Es geht nicht mehr nur um die Bewirtschaftung der Ressourcen. Verantwortungsloses menschliches Verhalten führt zu Fischereisterblichkeit. In der Folge wird das Recht auf Nahrung untergraben und gefährdet.
Welche Rolle könnte eine erhöhte Transparenz für die Lösung dieser Probleme spielen?
Dawda Foday Saine: Transparenz ist ein äußerst wirksames Instrument. Im Kontext der FiTI (Fisheries Transparency Initiative) bedeutet Transparenz vor allem den Zugang zu Informationen. Gemäß dem neu entwickelten FiTI-Standard 2.0 sind die Länder verpflichtet, nationale Multi-Stakeholder-Gruppen einzurichten, die Vertretungen aus Regierung, Fischerei, Zivilgesellschaft und Medien umfassen. Dennoch sind viele unserer Nachbarländer, darunter Senegal, Guinea-Bissau, Guinea und sogar Gambia, noch keine Vollmitglieder der FiTI, wodurch Informationen unter Verschluss bleiben. Fehlt es an Transparenz, wird die Bewirtschaftung der Ressourcen unübersichtlich und erfolgt gewissermaßen im Blindflug, was zu gegenseitigen Schuldzuweisungen führt. Im Rahmen der EU-Partnerschaftsabkommen für nachhaltige Fischerei (SFPAs) sind die Länder zwar verpflichtet, Angaben zu Fangmengen und Zahlungen zu veröffentlichen, doch bislang kommen sie dem nicht nach. Transparenz würde das Fischereimanagement optimieren sowie die Zusammenarbeit und das Vertrauen stärken.
Inwiefern hängen die Probleme der Kleinfischer in Westafrika und das Problem der Überfischung mit der illegalen, ungemeldeten und unregulierten Fischerei zusammen?
Dawda Foday Saine: Die illegale, ungemeldete und unregulierte Fischerei (IUU-Fischerei) ist ein globales Ärgernis, ein globales Übel und ein globaler Parasit, der das Ressourcenmanagement, die Ernährungssicherheit und die internationale Zusammenarbeit untergräbt. Sie wird durch hohe Gewinne und Geldgier angetrieben. Trawler manipulieren automatische Identifikationssysteme sowie Schiffskennungen und schalten Schiffsüberwachungssysteme ab. Globale Indizes, wie der „IUU Fishing Risk Index“, belegen eine Verschärfung des Problems, wobei asiatische Fernfischereiflotten regelmäßig zu den schlimmsten Akteuren weltweit zählen. Zwar existieren internationale Rahmenwerke, darunter der FAO-Aktionsplan gegen IUU-Fischerei (IPOA-IUU), das Hafenstaatabkommen (PSMA) und das Nachhaltigkeitsziel 14 (Leben unter Wasser), doch scheitern diese, da Korruption und Bestechung es den Verantwortlichen ermöglichen, Gesetze zu umgehen.
Welche Rolle spielen Fischmehlfabriken in Gambia, und wie wirken sie sich auf die Verfügbarkeit von Fisch für den lokalen Verbrauch aus?
Dawda Foday Saine: Ursprünglich war die Idee hinter den Fischmehlfabriken, Fischabfälle zu verwerten. Doch dieses Konzept wurde verworfen. Stattdessen wird Fisch, der eigentlich für den menschlichen Verzehr bestimmt sein sollte, zu Fischmehl für Tiere verarbeitet. Die Betreiber*innen unterstützen Kleinfischer mit Booten, Netzen und Treibstoff, damit diese direkt für sie fischen. Dies erhöht den Druck auf die Fischbestände, fördert den Fang von Jungfischen und versperrt lokalen Frauen den Zugang zu den Ressourcen. Zudem verstoßen diese Fabriken gegen nationale Beschäftigungsstandards. Die Arbeiter*innen an den Anlandeplätzen erhalten weder Arbeitsverträge noch eine Kranken- oder Unfallversicherung, sodass die Fabriken sie jederzeit und ohne Abfindungen entlassen können. Darüber hinaus fehlen jegliche transparente Daten zur tatsächlichen Produktion und zum Export von Fischmehl sowie dem wertvollen, Omega-3-reichen Fischöl. Der eigenen Bevölkerung werden dadurch lebenswichtige Nährstoffe vorenthalten. Ich lehne Fischmehl entschieden ab, da Fisch vorrangig für die menschliche Ernährung und nicht für die Tierfütterung genutzt werden muss. Die Aquakultur befeuert durch die Fischmehlproduktion die Überfischung.
Mit welchen spezifischen Herausforderungen sehen sich Frauen in der Fischverarbeitung und im Fischhandel in diesem Zusammenhang konfrontiert?
Dawda Foday Saine: Frauen sehen sich mit Konkurrenz konfrontiert. Sie haben keinen Zugang zu Ressourcen und verfügen nicht über die finanziellen Mittel, um mit Fischmehlfabriken zu konkurrieren. Fischer liefern häufig verdorbenen Fisch an, da die Fischmehlfabriken alles abnehmen. Dadurch erhalten die Frauen nicht die Fischqualität, die für den menschlichen Verzehr erforderlich ist. Dies führt dazu, dass die Frauen verdrängt werden und an andere Anlandeplätze ausweichen müssen, was den sozialen Zusammenhalt beeinträchtigt und sich negativ auf den Zugang zu Fisch sowie dessen Verfügbarkeit, Erschwinglichkeit und Qualität auswirkt.
Welche Lösungen können die handwerkliche Fischerei stärken und zur Ernährungssicherheit beitragen?
Dawda Foday Saine: Wir fordern die strikte Durchsetzung gesetzlich festgelegter Vorzugszonen für den Fischereizugang (in Gambia ist der Bereich von 0 bis 9 Seemeilen der handwerklichen Fischerei vorbehalten). CAOPA plädiert für nationale Aktionspläne für eine nachhaltige handwerkliche Fischerei, auf Grundlage der FAO-Leitlinien[1]. Wir verlangen Transparenz bei Abkommen und Subventionsausgaben, eine Reform der WTO-Subventionsregeln auf nationaler Ebene sowie Schutz vor konkurrierenden Sektoren der „Blue Economy“. Handwerkliche Fischer können mit dieser staatlich geförderten Konkurrenz nicht mithalten. Reformen sind nötig, um diese Überkapazitäten zu begrenzen und den Zugang zu Ressourcen gerechter zu verteilen. Wir bezeichnen die „Blue Economy“ als „Blue Fear“, da die handwerklichen Fischer befürchten, durch Öl-, Gas- und Tiefseebergbauprojekte sowie den Tourismus verdrängt zu werden.
Welche Erwartungen oder Forderungen haben Sie an die politischen Entscheidungsträger*inne in Europa?
Dawda Foday Saine: Wir fordern von der EU, den bevorzugten Zugang für handwerkliche Fischer zu Fischbeständen oder Fanggebieten zu unterstützen und das Co-Management zu finanzieren, so dass Regelungen gemeinsam mit den Fischer*innen getroffen werden und ihr Wissen, zum Beispiel über Bestände, einfließen kann. Afrikanische Gewässer sollten nicht primär als Quelle für Überschussbestände der europäischen Flotten betrachtet werden. Fischereiabkommen basieren auf der Annahme von Fisch-Überschüssen, die durch die europäischen Flotten genutzt werden dürfen, doch in der Realität existieren diese Überschüsse nicht. Die Gewässer entwickeln sich zu einer Wüste. Im Rahmen der Abkommen für nachhaltige Fischerei befischen die EU-Flotten, trotz fehlender tatsächlicher Überschüsse, überfischte Arten wie Seehecht und Thunfisch. Wir fordern ein Ende der kapazitätserweiternden Subventionen für Hochseeflotten. Deutschland hat die Transparenzinitiative FiTI unterstützt. Wir appellieren an die EU-Mitgliedstaaten, echte Transparenz bei den Vertragsbedingungen und der sektoralen Unterstützung zu gewährleisten, um der lokalen Ernährungssicherung und der Artenvielfalt Vorrang einzuräumen.
Was ist Ihr Schlusswort?
Dawda Foday Saine: Es gibt ein Sprichwort: „Wer schnell vorankommen will, geht allein. Wer weit kommen will, geht gemeinsam.“ Dies steht im Einklang mit dem SDG 17 zur Förderung von Partnerschaften. Unverantwortliche Fischerei an irgendeinem Ort gefährdet die verantwortungsvolle Fischerei überall. Die Fischerei befindet sich in einer Phase des Wandels. Es handelt sich um einen dreistufigen Prozess. Man verlässt die alten Vorgehensweisen, durchschreitet die neutrale Zone der Ungewissheit und gelangt schließlich zu einem Neuanfang. Wir müssen uns auf den Umgang mit den Menschen konzentrieren. Wenn wir dies richtig tun, werden sich die Fischbestände auf natürliche Weise erholen.
Wir bedanken uns herzlich für das Interview bei Dawda Foday Saine.
Das Interview führte Mireille Remesch, die Übersetzung erfolgte durch Jule Apel.
[1] https://www.fao.org/voluntary-guidelines-small-scale-fisheries/en
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