EINFACHE SPRACHE & AUDIOTEXT

Verborgener Hebel: Öffentliche Beschaffung als Motor für Agrarökologie

Warum öffentliche Beschaffung wichtig ist

Öffentliche Beschaffung bedeutet: Der Staat kauft Waren und Dienstleistungen ein. Das können zum Beispiel Lebensmittel für Kitas, Schulen oder Kantinen sein.
Diese Einkäufe können ein wichtiger Hebel für Agrarökologie sein. Sie schaffen Nachfrage nach nachhaltig erzeugten Lebensmitteln. Sie geben Anreize für umweltfreundliche Landwirtschaft. Und sie öffnen neue Märkte für Betriebe, die agrarökologisch arbeiten.

Damit das gelingt, ist wichtig, wie wir über Agrarökologie sprechen. Das umfassende Konzept muss in klare Regeln übersetzt werden. Diese Regeln müssen im Vergabeprozess genutzt und umgesetzt werden können.

Große Wirkung durch große Ausgaben

Bund, Länder und Kommunen geben jedes Jahr etwa 500 Milliarden Euro aus. Ein Teil dieses Geldes fließt in die Gemeinschaftsverpflegung. Dazu gehören Kitas, Schulen, Kantinen von städtischen Betrieben, Pflegeheime und Gefängnisse.

Schätzungen zeigen: Rund 16 Millionen Menschen essen jeden Tag in solchen Einrichtungen. Durch das neue Ganztagsgesetz für Grundschulen wird diese Zahl ab dem kommenden Jahr weiter steigen.

Chancen für gutes Essen und faire Landwirtschaft

Hier liegt eine große Chance für Agrarökologie. Das Essen in Kantinen kann besser und gesünder werden. Gleichzeitig bekommen Landwirtinnen und Landwirte verlässliche Abnehmer für ihre Produkte. Das hilft ihnen, auf nachhaltige Landwirtschaft umzusteigen oder diese weiterzuführen.

Ein Blick in den Globalen Süden

In Deutschland wird dieses Potenzial bisher kaum genutzt. In anderen Ländern sieht das anders aus. Ein Beispiel ist Brasilien. Dort gibt es ein staatliches Schulessen-Programm. Mindestens 30 Prozent des Geldes für Schulverpflegung müssen für Produkte von kleinbäuerlichen Familienbetrieben ausgegeben werden. Ab dem kommenden Jahr steigt dieser Anteil auf 45 Prozent.

In der Region wird der Austausch von Erfahrungen gezielt gefördert. Deshalb gibt es inzwischen ähnliche Programme und Gesetze zum Beispiel in Kolumbien und Honduras.

Was in Deutschland möglich ist

In Deutschland fehlen bisher klare politische Vorgaben, um agrarökologische Betriebe gezielt über öffentliche Beschaffung zu unterstützen. Es gibt keine feste Selbstverpflichtung dafür.

Trotzdem gibt es schon heute Handlungsspielräume. Entscheidend ist, wie Agrarökologie in Ausschreibungen beschrieben wird. Der Begriff verbindet zwar viele Menschen in der Bewegung. Für die öffentliche Beschaffung braucht es aber konkrete und überprüfbare Kriterien.

Konkrete Kriterien statt abstrakter Begriffe

Agrarökologie muss nicht im Widerspruch zu anderen Nachhaltigkeitszielen stehen. Im Gegenteil: Es lassen sich gute Verbindungen schaffen.
Bei Ausschreibungen für Schulessen können zum Beispiel folgende Kriterien festgelegt werden:
   • ein bestimmter Bio-Anteil
   • saisonale Lebensmittel
   • kurze Lieferwege
   • geringere CO₂-Belastung beim Transport
So können soziale und ökologische Ziele gleichzeitig gefördert werden.

Gute Beispiele aus Städten und Gemeinden

Einige Städte gehen bereits weiter. Sie schreiben strengere Regeln für den Einkauf von Lebensmitteln in Ratsbeschlüsse oder kommunale Ernährungsstrategien.
Auch Pilotprojekte wie „Essen mit Zukunft“ zeigen, wie diese Möglichkeiten genutzt werden können. Wichtig sind dabei Schulungen für Mitarbeitende in Verwaltungen und Küchen.

Ausblick: Chancen für die Zukunft

Wenn diese Möglichkeiten gezielt genutzt werden, kann öffentliche Beschaffung schon heute ein wichtiger Baustein für den Wandel hin zu Agrarökologie sein.

Im kommenden Jahr soll außerdem das EU-Vergaberecht reformiert werden. Das ist eine große Chance. Soziale und ökologische Kriterien könnten dann verbindlich festgeschrieben werden. Das würde agrarökologische Gemeinschaftsverpflegung in ganz Europa stärken.

 

Wer ist die Autorin?

Anne Sträßer arbeitet als Referentin für nachhaltige Ernährungs- und Agrarsysteme und öffentliche Beschaffung bei der Romero Initiative (CIR)