
Fischkonsum
Mehr Fisch essen trotz Überfischung? DGE-Empfehlungen zum Fischkonsum auf dem Prüfstand
27.08.2025
Wenn es nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) geht, sollten die Deutschen deutlich mehr Fisch essen als es aktuell üblich ist. Laut DGE ist es empfehlenswert, 1-2 mal pro Woche Fisch zu essen und dabei 150g fettarmen Fisch und 70g fettreichen Fisch zu konsumieren. Der Fischkonsum der Deutschen liegt laut der letzten, durchgeführten Nationalen Verzehrstudie deutlich darunter: Männer essen durchschnittlich 105 Gramm Fisch pro Woch und Frauen durchschnittlich 91 Gramm.
Obwohl die Deutschen weniger Fisch essen als von der DGE empfohlen wird, haben wir ein massives Problem mit der Überfischung in einheimischen Gewässern – zum Beispiel sind die Bestände von Dorsch (Kabeljau) und Hering in der Ostsee extrem eingebrochen. Die Fischversorgung ist schon lange nicht mehr regional – Deutschland importiert etwa 80% des Fisches aus dem Ausland. Doch auch ein Großteil der EU-Gewässer ist überfischt und die weltweite Fischerei hat ebenfalls sehr problematische Auswirkungen – industrielle Fangflotten gefährden die Existenzgrundlagen und die Fischversorgung im globalen Süden, Menschenrechtsverletzungen und illegale Fischerei sind verbreitet. Wissenschaftler wie zum Beispiel der Meeresbiologe Rainer Froese vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, weisen darauf hin, dass die Überfischung in den letzten Jahren nicht ab- sondern zugenommen hat. Sie warnen vor einem Kollaps der globalen Fischerei bis 2048, wenn nicht entschieden gegengesteuert wird.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Überfischung werden für die Ernährungsempfehlungen nicht berücksichtigt
Angesichts dieser Missstände stellt sich die Frage, ob die Empfehlung der DGE, mehr Fisch zu essen, noch vertretbar ist oder grundsätzlich überdacht werden sollte. Denn wenn die Empfehlungen der DGE von der Bevölkerung berücksichtigt würden, müsste in Deutschland jährlich pro Kopf etwa 22,3 kg Fisch (Fanggewicht) bereitgestellt werden. Das ist etwa 55 % mehr als der tatsächliche Verbrauch im Jahr 2022, als in Deutschland 14,4 kg Fisch (Fanggewicht) verbraucht wurde. Die DGE beansprucht für sich, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen zu einer gesundheitsfördernden und nachhaltigen Ernährung auszusprechen. Dabei verweist sie darauf, dass die lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen auf Basis eines mathematischen Optimierungsmodells entwickelt wurden. Doch es scheint, dass für die Empfehlungen zum Fischkonsum nur sehr selektiv auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgegriffen wird. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Meeresbiologen im Hinblick auf die Notwendigkeit, die Überfischung wirksam zu bekämpfen, werden offenbar nicht berücksichtigt. Die DGE erwähnt zwar im Rahmen ihrer Empfehlungen zum Fischkonsum das Problem, dass immer mehr Fischbestände von Überfischung betroffen sind. Doch ein bis zwei Mal pro Woche Fisch sei auch im Hinblick auf die Nachhaltigkeit akzeptabel.
Das MSC-Siegel garantiert keinen nachhaltigen Fischkonsum
Die DGE empfiehlt auf ihrer Website zwar, Fisch aus nachhaltiger Fischerei zu wählen und weist diesbezüglich auf die Siegel Marine Stewardship Council (MSC) sowie Aquaculture Stewardship Council (ASC) sowie auf die „Guter Fisch“-Liste hin. Während der Verweis auf die Guter Fisch-Liste sinnvoll ist, sind die Empfehlungen des MSC und des ASC problematisch, da diese Siegel einen nachhaltigen Fischkonsum nicht sicherstellen können und die massive Kritik an diesen Siegeln von der DGE nicht erwähnt wird.. Das MSC-Siegel entspricht nicht den wissenschaftlichen Kriterien für eine bestandserhaltende nachhaltige Fischerei – darauf weisen Wissenschaftler*innen seit vielen Jahren hin. So wurde aufgezeigt, dass auch Fisch aus überfischten Beständen das MSC-Siegel erhält. Eine Studie zeigte am Beispiel nordeuropäischer Fischbestände auf, dass das MSC Siegel keine effektive Kontrolle gewährleistet und die erlaubten Fänge bei mehreren Fischbeständen um bis zu 50% überschritten wurden. Eine weitere entscheidende Kritik am MSC-Siegel ist, dass auch Fisch, der mit Grundschleppnetzfischerei gefangen wurde, zertifiziert wird. Die Grundschleppnetzfischerei ist auf Grund der Zerstörung von Biodiversität, der hohen Beifänge, des hohen Treibstoffverbrauchs und der Freisetzung von Kohlenstoffdioxid nicht mit einer nachhaltigen Fischerei vereinbar. Warum geht die DGE, die für sich beansprucht, eine wissenschaftliche Fachgesellschaft zu sein, nicht auf diese wissenschaftlich fundierte Kritik am MSC-Siegel ein?
Nur noch wenige Fischbestände sind empfehlenswert
Statt weiterhin den Kauf von MSC- und ASC-zertifiziertem Fisch zu empfehlen, sollte die DGE ihre Empfehlungen stärker an wissenschaftlichen Nachhaltigkeitskriterien ausrichten. Dies muss auch in den DGE-Qualitätsstandards für Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung berücksichtigt werden – hier fehlt zum Beispiel der Hinweis auf die Guter Fisch-Liste. Die „Guter Fisch“-Liste, die von der Verbraucherzentrale gemeinsam mit dem GEOMAR-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, der Deutschen Umwelt Hilfe, dem NABU und dem WWF erstellt und jährlich aktualisiert wird, bietet eine gute Grundlage für Kaufentscheidungen von Meeresfisch. Denn die hier dargestellten Empfehlungen basieren auf wissenschaftlichen Kriterien, die Fisch aus überfischten Beständen sowie zerstörerische Fischereimethoden wie zum Beispiel die Grundschleppnetzfischerei ausschließen. Aktuell empfiehlt die Guter Fisch Liste 12 Meeresfische – jedoch mit Einschränkungen. Für jede empfohlene Fischart gibt es detaillierte Hinweise darauf, welche Fanggebiete und welche Fangmethoden akzeptabel sind. Hering, Alaska-Seelachs, Thunfisch, Lachs und Garnelen sind die in Deutschland aktuell am stärksten nachgefragten Fische. Alaska-Seelachs, Hering und Thunfisch stehen zwar auf der „Guter Fisch-Liste“, doch es gibt starke Einschränkungen im Hinblick auf die empfohlenen Fanggebiete und die Fangmethoden. Lachs und Garnelen sind wild gefangen nicht empfehlenswert und auch die vorherrschenden Bedingungen in der Aquakulturzucht von Lachs und Garnelen sind sehr problematisch – auch wenn sie durch den Aquaculture Stewardship Council (ASC) zertifiziert sind. Denn auch das ASC-Siegel steht im Hinblick auf die Fütterung mit Meeresfisch und gentechnisch veränderter Soja, die hohen Bestandsdichten und schwachen Vorgaben für den Medikamenteneinsatz zu Recht in der Kritik. Die Bedingungen in Bio-Aquakulturen sind zwar besser, doch die große Nachfrage kann damit aktuell nicht bedient werden. Lachs wird zum Beispiel hauptsächlich aus Norwegen importiert, doch weniger als 2% des norwegischen Lachses kommt aus Bio-Aquakulturen.
Die Nachfrage nach Fisch muss sich ändern
Ein wirklich nachhaltiger Fischkonsum müsste bedeuten, dass die Menschen bereit sind, beim Einkauf genau hinzuschauen und auch auf Fischarten auszuweichen, die aktuell weniger beliebt sind – zum Beispiel Flunder, Scholle, Kliefisch, Stöcker und Schellfisch aus bestimmten Fangebieten und mit ausgewählten Fangmethoden. Grundlage dafür ist, dass die dafür notwendigen Informationen (z.B. zu Fanggebieten und Fangmethoden) verstärkt durch Läden und Gastronomiebetriebe zur Verfügung gestellt werden müssen. Welche Auswirkungen ein massiver Umstieg von den aktuell beliebten, aber nicht nachhaltigen Fischsorten auf die aktuell noch nicht überfischten Bestände hätte, ist unbekannt. Und es ist fraglich, ob auf Basis der „Guter Fisch“-Liste genug wirklich nachhaltig gefangener Fisch vorhanden ist, um eine gestiegene Nachfrage in Deutschland entsprechend der DGE-Empfehlungen bedienen zu können. Genaue Angaben zu den verfügbaren Mengen der auf der Guter-Fisch-Liste empfohlenen Fische (die in den empfohlenen Fanggebieten und mit den empfohlenen Fangmethoden gefangen werden) gibt es nicht.
All dies zeigt: Ein nachhaltiger Fischkonsum ist auf Grund der massiven Überfischung und der Nachhaltigkeitsdefizite in Aquakulturen aktuell nur begrenzt möglich und erfordert deutlich mehr Wissen und Differenzierung als die DGE in ihren Empfehlungen berücksichtigt. Angesichts der noch zunehmenden Überfischung ist die schlichte Empfehlung, 1-2 Mal pro Woche Fisch zu essen, nicht mehr zeitgemäß. Denn eine gestiegene Nachfrage nach Fisch ist nicht unbedingt ein guter Anreiz für Politik und Fischereiverbände, sich auf wissenschaftlich basierte geringere Fanquoten einzulassen. Vor diesem Hintergrund ist ein Umdenken in der DGE notwendig. Empfehlungen zum Fischkonsum dürfen nicht losgelöst von den Erkenntnissen zu vorhandenen Fischbeständen und den notwendigen Rahmenbedingungen eines ökosystembasierten Fischereimanagements ausgesprochen werden. Die DGE als wissenschaftliche Fachgesellschaft sollte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Überfischung genauso ernst nehmen wie die Erkenntnisse im Hinblick auf die Vorteile des Fischkonsums für die Krankheitsprävention. Wissenschaftlich basierte Ernährungsempfehlungen müssen sich daran ausrichten, dass nicht mehr Fisch verzehrt wird, als sich durch natürliche Vermehrung in den Beständen erneuern kann. Nur so kann Fisch auch langfristig als Nahrungsgrundlage erhalten werden.
Daher ist es sinnvoll, sich damit auseinanderzusetzen, ob bzw. auf welche Weise eine gesundheitsförderliche Ernährung auch funktionieren kann, wenn seltener als 1-2 mal pro Woche Fisch konsumiert wird.
Versorgung ohne Fisch – geht das? Eine kritische Einordnung der DGE-Empfehlung
Nach Einschätzung der DGE ist Fisch ein besonders wertvoller Bestandteil der Ernährung, da er neben Omega-3-Fettsäuren auch gut verfügbares Jod, Selen und hochwertiges Eiweiß liefert. Doch wie notwendig ist Fisch aus ernährungsphysiologischer Sicht tatsächlich? Grundsätzlich lässt sich eine ausgewogene Nährstoffversorgung auch ohne Fisch sicherstellen - vorausgesetzt, die Ernährung ist gut geplant. Das zeigt auch die DGE mit ihren Speiseplan-Empfehlungen für eine vegetarische oder vegane Ernährungsweise. Selen und Jod lassen sich durch eine gezielte Auswahl an pflanzlichen und tierischen Lebensmitteln angereicherten Produkten abdecken. Selen ist zum Beispiel in Kohlgemüse, Paprika, Hülsenfrüchten, Nüssen, Haferflocken, Soja- und Milchprodukten enthalten. Jod ist in höheren Mengen nicht nur in Fisch, sondern auch in Algen sowie in geringen Mengen in verschiedenen tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Da Jodmangel viele Menschen betrifft – Mischköstler ebenso wie Vegetarier – wird (unter anderem durch die DGE) empfohlen, jodiertes Speisesalz zu verwenden.
Omega-3-Fettsäuren in Fisch und bei vegetarischer Ernährung
Ein wichtiger Aspekt der DGE-Empfehlung für einen wöchentlichen Fischkonsum ist die Versorgung mit langkettigen Omega-3-Fettsäuren, insbesondere Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA), die vor allem in fettreichen Kaltwasserfischen wie Lachs, Hering oder Makrele in relevanten Mengen vorkommen. Der Konsum dieser fettreichen Arten wird daher durch die DGE besonders empfohlen.
Die genannten Fettsäuren werden von der DGE als wichtig für die Herz-Kreislauf-Gesundheit angesehen – es wird darauf verwiesen, dass eine ausreichende Zufuhr dieser Fettsäuren das Risiko für koronare Herzerkrankungen und Schlaganfälle vermindern kann.. Vorstufen von EPA und DHA – etwa Alpha-Linolensäure (ALA) – können auch über pflanzliche Quellen wie Lein-, Raps-, Chia- oder Walnussöl sowie Nüsse, Samen oder Ölsaaten aufgenommen werden. Doch die Umwandlungsrate im Körper gilt als gering. Auf dieser Basis argumentiert die DGE, dass allein durch den Verzehr pflanzlicher Lebensmittel eine adäquate Versorgung mit EPA und DHA nur schwer zu erreichen sei. Studien deuten jedoch darauf hin, dass eine ausreichende Zufuhr an ALA in Kombination mit einem niedrigen Omega-6-zu-Omega-3-Verhältnis die endogene Synthese begünstigt. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das, dass Omega-3-Fettsäuren besser vom Körper aufgenommen werden können, wenn die Ernährung weniger Omega-6-Fettsäuren enthält. Ein reduzierter Konsum von Produkten mit hoher Konzentration an Omega-6 Fettsäuren (wie z.B. Fleisch oder Sonnenblumenöl) ist daher förderlich. Alternativ können gezielt Algenöle als DHA-/EPA-Quelle in vegetarischer oder veganer Ernährung genutzt werden – diese gelten als sichere und nachhaltigere Alternative zu Fischöl.
Krankheitsprävention: Fisch oder pflanzenbasiert?
Zahlreiche Studien belegen, dass Fischkonsum – insbesondere von fettreichen Sorten – mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert ist. Die Prävention dieser Erkrankungen wird von der DGE als entscheidendes Argument für einen häufigen Fischkonsum genannt. Dabei bleibt jedoch unberücksichtigt, ob der höhere Fischkonsum auch im Vergleich zu einer vegetarischen oder weitgehend pflanzenbasierten Ernährungsweise Vorteile bezüglich eines geringeren Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bringt oder ob diese Vorteile nur bei einer durchschnittlichen Ernährungsweise mit einem regelmäßigen bis häufigen Fleischkonsum festgestellt wurden. Gleichzeitig zeigen große Kohortenstudien wie die EPIC-Studie oder die Adventist Health Study, dass auch pflanzenbetonte oder vegetarische Ernährungsweisen mit einem reduzierten Risiko für chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes und koronare Herzkrankheiten einhergehen. Entscheidender Faktor scheint weniger der Verzehr einzelner Lebensmittel als vielmehr das Gesamternährungsmuster zu sein. Die DGE hat auf Anfrage für diesen Artikel nicht beantworten können, ob die Vorteile eines hohen Fischkonsums mit den Vorteilen einer pflanzenbasierten oder vegetarischen Ernährungsweise im Rahmen von wissenschaftlichen Studien verglichen wurden.
Eine Antwort auf diese Frage sollte von einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft aber gegeben werden, wenn die Krankheitsprävention als entscheidendes Argument für einen hohen Fischkonsum genannt wird.
Risiken des Fischkonsums im Hinblick auf Schwermetalle, Mikroplastik & Co. – und wie die DGE damit umgeht
Der Verzehr von Fisch birgt auch gesundheitliche Risiken, die in den Ernährungsempfehlungen der DGE bislang nur am Rande thematisiert werden.
Besonders fettreiche Meeresfische wie Lachs oder Hering – von der DGE empfohlen – enthalten mitunter erhöhte Mengen an Quecksilber, Dioxinen und PCB. Diese Stoffe reichern sich im Fettgewebe an und stehen im Verdacht, das Nerven-, Hormon- und Immunsystem negativ zu beeinflussen. Auch Mikroplastik wird regelmäßig in Wild- und Zuchtfischen nachgewiesen. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind bislang unklar, erste Hinweise auf entzündungsfördernde oder hormonelle Effekte geben jedoch Anlass zur Sorge.
Die DGE vertritt die Einschätzung, dass trotz dieser Risiken die gesundheitlichen Nutzen des wöchentlichen Fischverzehrs überwiegen. Eine differenzierte Bewertung (etwa nach Herkunft oder Fischart) bleibt in der öffentlichen Darstellung des Themas durch die DGE weitgehend aus. Lediglich schwangeren und stillenden Frauen empfiehlt die DGE, auf Grund der Quecksilberbelastung auf bestimmte Fischarten zu verzichten.
Angesichts der zunehmenden Schadstoffbelastung der Gewässer sowie der bekannten Bioakkumulation in der Nahrungskette, stellt sich die Frage, ob die DGE-Position angemessen oder eine deutlich kritischere Bewertung notwendig ist. Umwelt- und Verbraucherorganisationen fordern deshalb seit Jahren, die gesundheitlichen und ökologischen Risiken stärker in Ernährungsempfehlungen zu integrieren – etwa durch konkrete Hinweise zu unbedenklicheren Fischarten, regionaler Herkunft oder pflanzlichen Alternativen zu marinen Omega-3-Fettsäuren. Jedenfalls sind weitere unabhängige Studien erforderlich, um die Risiken des Fischkonsums umfassend zu bewerten – und Ernährungsempfehlungen gegebenenfalls entsprechend anzupassen.
Fisch in der Gemeinschaftsverpflegung – DGE-Empfehlungen und Alternativen
Mit ihren Qualitätsstandards für die Gemeinschaftsverpflegung hat die DGE einen starken Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen – in einigen Orten sind die Standards bereits verbindlich für die Kita- und Schulverpflegung etabliert und Ziel der Ernährungsstrategie der Bundesregierung ist, die Qualitätsstandards in der Gemeinschaftsverpflegung bis 2030 verbindlich zu etablieren. Im Rahmen ihrer Standards für die Gemeinschaftsverpflegung empfiehlt die DGE, innerhalb einer Fünf-Tage-Woche mindestens einmal Fisch anzubieten – und bei einem Zwanzig-Tage-Zyklus mindestens zweimal eine fettreiche Fischvariante einzuplanen.
Doch die DGE macht durch vegetarische Menülinien in den Qualitätsstandards für die Gemeinschaftsverpflegung darauf aufmerksam, wie die Nährstoffversorgung auch ohne Fisch sichergestellt werden kann.
Für alle drei Kostformen – Mischkost, vegetarisch und vegan – hat die DGE eigene Empfehlungen formuliert. Bei veganen Speiseplänen wird die Versorgung mit kritischen Nährstoffen, die sonst oft über Fisch gedeckt werden (z. B. Jod, Omega-3-Fettsäuren, Eiweiß), über alternative Lebensmittel sichergestellt: Dazu zählen Hülsenfrüchte, Sojaprodukte wie Tofu oder Tempeh, Rapsöl, Nüsse und Saaten. Die Verwendung von jodiertem Salz sowie angereicherten Pflanzendrinks wird ebenfalls empfohlen. Auffällig ist, dass bei veganer Ernährung die empfohlene Menge an Nüssen und Ölsaaten verdoppelt ist – im Vergleich zur vegetarischen Linie – und auch der Einsatz von Rapsöl höher liegt.
Ein eigenes Merkblatt der DGE widmet sich speziell der Frage, wie sich der Verzicht auf Fisch bei der Omega-3-Versorgung ausgleichen lässt. Es empfiehlt eine gezielte Auswahl an pflanzlichen Lebensmitteln, die reich an Alpha-Linolensäure (ALA) sind. Rapsöl dient daher in der vegetarischen Menülinie als Standardfett. Zusätzlich sollte mindestens einmal pro Woche eine Mahlzeit Nüsse, Samen oder Ölsaaten enthalten – bevorzugt Sorten wie Leinsamen oder Walnüsse, die besonders viel ALA liefern.
Empfehlungen zur Neugestaltung der Empfehlungen für die Gemeinschaftsverpflegung
Es ist zu begrüßen, dass die DGE in ihren Empfehlungen für die Gemeinschaftsverpflegung aufzeigt, worauf bei einer vegetarischen Speiseplangestaltung zu achten ist. Dennoch sollten die Empfehlungen im Hinblick auf die gravierenden Nachhaltigkeitsmängel der Fischerei überarbeitet werden. Dazu sollten folgende Aspekte gehören:
- Keine Standard-Empfehlung für einen wöchentlichen Fischkonsum in den nicht-vegetarischen Menülinien: Gerade in der Gemeinschaftsverpflegung bietet sich die Chance, dass fachlich geschulte Köche auf eine ausgewogene Speiseplangestaltung ohne wöchentlichen Fischkonsum achten. Gerade im Hinblick auf die DGE-Zertifizierung sollte den Einrichtungen mehr Spielraum gelassen werden bei der Frage, wie häufig sie Fisch anbieten. Wichtiger ist, dass Fisch ausschließlich aus wirklich nachhaltigen Quellen bezogen wird (und dafür seltener, wenn nötig).
- Statt das MSC-Siegel zu empfehlen, sollte der Einsatz von Meeresfisch nur dann empfohlen werden, wenn er den Kriterien der Guter-Fisch-Liste entspricht.
- Statt das ASC-Siegel zu empfehlen, sollte Fisch aus Aquakulturen nur empfohlen werden, wenn er durch ein Bio-Siegel (Naturland) zertifiziert wurde.
Zusammenfassung und Fazit
Der Konsum von Fisch ist in verschiedener Hinsicht gesundheitsförderlich. Jedoch bringt der Konsum bestimmter Fischsorten auf Grund von Schwermetall- und Mikroplastikrückständen auch gesundheitliche Risiken mit sich, die noch zu wenig erforscht sind. Gleichzeitig ist eine gesundheitsförderliche Ernährung möglich, auch wenn nicht jede Woche Fisch auf dem Speiseplan steht. Eine gut geplante, pflanzenbasierte Ernährung kann bei gezielter Auswahl oder Supplementierung alle notwendigen Nährstoffe abdecken. Eine überwiegend pflanzliche Ernährung hat im Vergleich zu einer Ernährung mit vielen tierischen Produkten zudem erhebliche gesundheitliche Vorteile.
Vor allem im Hinblick auf die massiven Nachhaltigkeitsprobleme der Fischerei und die zunehmende Überfischung sollten die aktuellen Ernährungsempfehlungen zum Fischkonsum angepasst werden. Um Fisch als zukünftige Nahrungsgrundlage für alle Menschen – auch im globalen Süden – zu erhalten, braucht es einen grundlegenden Wandel in der Fischerei und beim Fischkonsum – und beides ist untrennbar miteinander verbunden. In diesem Sinne muss die DGE die Erkenntnisse aller relevanten wissenschaftlichen Disziplinen rund um das Thema Fisch für ihre Ernährungsempfehlungen berücksichtigen.
Autorinnen: Daniela Bergthaler (Physicians Association for Nutrition) und Julia Sievers (Agrar Koordination)
Daniela Bergthaler ist klinische Diätologin und Ernährungswissenschaftlerin sowie Vorstands- und Gründungsmitglied von PAN DACH und PAN Austria. Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt auf den gesundheitlichen Vorteilen einer vollwertigen Ernährung.
Julia Sievers setzt sich als Referentin bei der Agrar Koordination für eine zukunftsfähige Ernährung und eine an Nachhaltigkeit orientierte Ernährungspolitik ein. Mit dem Projekt „Zukunft ohne Fisch?“ wirkt sie auf einen nachhaltigeren Fischkonsum hin.
Artikel mit Quellenangaben hier zum Download verfügbar: